Mehr Essen – besser verdauen

Der Darm isst immer mit. Appetitlosigkeit und Nahrungskarenz hingegen führen mittelfristig zu einem Rückbau von Darmzotten, der sog. Darmzottenatrophie. Unverträglichkeiten und Muskelabbau sind dann die Folgen. Kann nicht gegessen werden z.B. nach einer Operation, ist daher vorübergehend eine spezielle Trinknahrung dringend notwendig.

Nährstoffe die den Darm miternähren, also zuerst in den Darm kommen und nicht via Infusion gleich ins Blut, sind für die Darmgesundheit unersetzlich. Eine enterale Ernährung ist daher immer der parenteralen Ernährung über Infusionsflaschen vorzuziehen. Mit einer guten Suppe aus leicht verdaulichen Gemüsearten wie Zucchini und Getreideflocken kann der Anfang gemacht werden. Quellstoffe wie ß-Glukane aus Gerste und Hafer sind eine wichtige Nährstoffquelle für die Darmzotten, die daraus ihre Energie gewinnen. Zudem fördern sie die Entwicklung einer gesunden Darmflora. Da Ballaststoffe die Bioverfügbarkeit von Spurenelementen beeinträchtigen können, müssen bei Schwerstkranken Spurenelemente (vor allem Zink und Selen) evt. separat zugegeben werden. Bei zu wenig oder gänzlichem Fehlen von Ballaststoffen hingegen verlieren die Zotten ihre wichtigste Energiequelle. Ist ein Kostaufbau mit normalen Lebensmitteln nicht möglich, bietet sich Trinknahrung an.

Im Volksmund wird Trinknahrung oft mit „Astronautenkost“ gleichgesetzt. Der Begriff „Astronautenkost“ stammt aus den 60er Jahren, als für die Mondfahrer eine spezielle Pulver- bzw. Trinkmischung mit Aminosäuren und Mikronährstoffen entwickelt wurde; diese waren jedoch noch nicht bilanziert. Aufgrund der damaligen Herstellungsmöglichkeiten war die Zusammensetzung noch nicht zufriedenstellend, der Gesamtbedarf eines Menschen konnte auf längere Zeit damit nur schlecht gedeckt werden. „Bilanziert“ bedeutet, dass die Nährstoffe im passenden Verhältnissen zueinander kombiniert werden, so wie es der aktuellen Lebenssituation und Stoffwechsellage entspricht.

Heute enthalten die meisten Trinknahrungen alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Doch auch qualitativ optimal zusammengesetzte Trink- und Sondennahrung bergen noch Gefahren für den Magen-Darm-Trakt. Vielfach werden diese aber nicht durch die Inhaltsstoffe hervorgerufen, sondern durch Anwendungsfehler. Statischer und osmotischer Druck kann dabei die Zotten in ihrer resorptiven und exkretorischen Funktion beeinträchtigen. Folgende Anwendungsfehler treten auf:

  • nicht stoffwechseladaptierter Nährstoffgehalt z.B. Unverträglichkeit einzelner Nahrungsbestandteile, in Abhängigkeit vom Erkrankungsstadium (z.B. Eiweißmenge oder –art, Fructose, Fette),
  • hohe Osmolarität bzw. zu hohe Einlaufgeschwindigkeit/-menge, Kostaufbau zu rasch,
  • Kontaminationsgefahr beim Anlegen der Sondenkost,
  • Temperatur der Sondenkost wird nicht körpergerecht gewählt.

u.a.

Der Kostaufbau ist ein Balanceakt, der erfahrene Therapeuten im Umgang mit Patienten und Ernährungsmöglichkeiten braucht. Dabei müssen an Konsistenz, Geruch, Geschmack und Aromenspektrum gewisse Abstriche gemacht werden, da Haltbarkeit, Schluckfähigkeit und Hygiene Vorrang haben. Dennoch sind auch die sensorischen Erfahrungen bei der Aufnahme von Nahrung wichtig, um die Funktion der Darmzotten und den Appetit zu stimulieren. Zudem weiß man heute, dass nicht nur auf der Zunge, sondern im gesamten Magen-Darmtrakt Geschmacksrezeptoren zu finden sind, welche auf die Darmfunktion und die Steuerung verschiedensten Körperfunktionen Einfluss nehmen.

Mit einem Aminosäuren-Mikronährstoffgemisch aus der Astronautenzeit bzw. einer Eigenmischung diverser Pülverchen aus dem Internet mit oder ohne Aromazusatz kann weder mit einer Mahlzeit noch mit einer modernen Trinknahrung Schritt halten. Neue Technologien tragen jedoch dazu bei, dass Trinknahrung dem Originalgeschmack und der Pharmakokinetik einer Mahlzeit immer näher kommt. Trinknahrung ist heute vollbilanziert in verschiedenen Geschmacksrichtungen zu haben, in unterschiedlicher Nährstoffdichte, mit und ohne Ballaststoffe und für einen stufenweisen Kostaufbau bestens geeignet.

Ausführliche Hinweise für Pflegekräfte finden Sie unter http://link.springer.com/article/10.1007/s00058-016-2441-8